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Verdammt, schon zu! Wäre eine 24-Stunden-Bib wünschenswert?

Über zu kurze Öffnungszeiten in der Hamburger Staatsbibliothek können wir Studis uns eigentlich kaum beschweren. Der Bildungstempel hat mit der Ausnahme von einigen Feiertagen sieben Tage die Woche geöffnet, öffnet seine Pforten unter der Woche bereits um 9 Uhr morgens und schließt stets erst um Mitternacht. 15 Stunden Öffnungszeiten sollten eigentlich reichen, um angemessen an all seinen Projekten zu arbeiten. Und doch zeigt sich bei der Schließung der Bibliothek regelmäßig, dass einige gerade jetzt partout noch nicht gehen wollen. Um 23:45 Uhr wird angesagt, dass langsam bitte alle die Räumlichkeiten verlassen wollen – und doch wird stattdessen nur das Getippe auf den Laptop hektischer. Offenbar sind viele Menschen auch in tiefster Nacht noch gewillt, besonders emsig an ihren Schriften zu sitzen. Und das ist ja auch kein wirkliches Wunder: Viele Menschen beschäftigen sich in der Stabi nebenberuflich mit Forschung, sind im Alltag vielleicht berufstätig und haben sowieso nur in der Nacht die Möglichkeit, sich ausgiebig mit ihren Interessen zu beschäftigen. Das deutsche Bildungssystem möchte solche Menschen fördern, Bildung soll für jeden frei zugänglich sein. Wäre es daher nicht eine tolle Idee, die Staatsbibliothek für 24 Stunden zu öffnen?

Die Vorteile lägen klar auf der Hand. Lernen in der Stabi würde sich mit wirklich jedem Lebensrhythmus vereinbaren lassen – und das nicht nur abhängig von etwaigen Blockaden durch Arbeitszeiten oder sonstige Verpflichtungen, sondern auch schlicht und ergreifend durch unsere verschiedenen Hochzeiten der Produktivität. Manche Menschen sind nun mal Nachteulen, die erst richtig arbeiten können, wenn um sie herum alles schläft und nur der Mond den Himmel erhält. Eine grenzenlose Flexibilität wäre auch ein großer Vorteil der dauerverfügbaren Stabi. Wer beim Schreiben seiner Hausarbeit gerade in einen unerwarteten Flow gerät, der wird auf keinen Fall plötzlich unterbrochen, weil sein Arbeitsplatz die Pforten dicht macht. Wahrscheinlich hätte eine dauerhafte Öffnung der Stabi daher ganz klare Vorteile in den Möglichkeiten der Produktivität.

Bibliothek

Und dennoch ist die Frage, ob dies überhaupt wünschenswert wäre. Als Studierende im verschulten Bologna-System stehen wir oft unter großem Druck. Immer mehr wird von uns noch neben den Vorlesungen verlangt. Immer mehr Menschen studieren und erhöhen damit den Druck auf das Individuum, sich im Wirrwarr seiner Kommilitonen noch mehr um herausragende Leistungen zu sorgen. In den Bibliotheken besonders konkurrenzreicher Institute führt das jetzt teilweise schon zu einem Schaulaufen der Dauerpräsenz: Wer länger bleibt, der ist der Obermacker des Studiengangs und vermittelt das Gefühl, noch härter zu arbeiten als alle anderen. Was für einen Wettbewerb würde da erst eine Bibliothek entfachen, die überhaupt nicht mehr zumacht? Menschen würden nächtelang durchmachen, um vor sich selbst und vor anderen keine Blöße an den Tag zu legen. Eine Schließung gibt deswegen auch ein Signal: Jetzt ist es genug, geht euch ausruhen – eine Entlastung, die eine 24-Stunden-Bib nicht leisten kann. Und obendrein würde der Kampf um Sitzplätze noch viel drastischer werden. Wer sich jetzt schon darüber aufregt, dass er zu humanen Zeiten keinen Arbeitsplatz mehr findet, der wird sich über das Schlachtfeld wundern, wenn Menschen nicht mehr durch Schließungen zumindest einmal am Tag nach Hause geschickt werden können.

Für eine dauerhafte Öffnung der Stabi gäbe es somit sicherlich zahlreiche Argumente dafür und dagegen. Bei dieser Debatte sollten wir aber unbedingt beachten, dass wir uns damit nicht noch mehr einem Leistungsdruck hingeben, dem wir oftmals sowieso schon viel zu sehr verfallen sind.

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