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Zwischen Verzweiflung und spontanen Höhenflügen: Nachts in der Stabi

in Studium von

Hamburg, Sonntag, 23 Uhr. Die Stadt wird von einem klaren Sternenhimmel ummantelt, die Bürger kommen langsam zur Ruhe, eine gewisse Schläfrigkeit überkommt die Einwohner der norddeutschen Metropole. In ganz Hamburg herrscht die Idylle. Ganz Hamburg? Fast, denn in einer kleinen Bastion zwischen Produktivität und Prokrastination hört man nicht auf, dem Frieden Widerstand zu leisten. In der Stabi sitzen die Studierenden bis zur letzten Minute vor Schließung, verzweifeln in kollektiver Leidensgemeinschaft an der eigenen Unfähigkeit und durchleben eine emotionale Achterbahnfahrt, deren Ausgang ungewiss ist.

Bücher
Viele Bücher, viele verzweifelte Studierende.

In der heutigen Nacht sind sich Katastrophe und Triumph wieder einmal ganz nah. Zu dieser späten Stunde hat sich das Besucherfeld der Bibliothek schon deutlich ausgedünnt, die ganz Hartgesottenen sind aber natürlich trotzdem noch da. Unter ihnen: Eine Gruppe besonders eifriger Jura-Studenten, die gerade in die Staatsbibliothek gewechselt sind, weil die Fakultäts-eigene Bibliothek schon um 23 Uhr dicht macht und nicht wie der große Lerntempel am Von-Melle-Park erst um Mitternacht die Pforten schließt. An einem anderen Tisch sitzt ein Kunstgeschichte-Student mit tiefen Augenringen. Alle halbe Stunde tippt er einen Satz auf seinem Laptop, den er anschließend direkt wieder löscht. Zwischen diesen Intervallen aktualisiert er auf seinem Handy den Jodel-Feed und schaut sich dabei gleichzeitig Youtube-Videos über die Top 10 der modernsten Kühlschränke der Welt an. Zwei Plätze weiter versinkt eine Biologie-Studentin in einem Mount Everest aus Lernzetteln und Karteikarten. Morgen um acht ist Klausur und sie muss noch sechs Kapitel durchpauken. Für alle tickt die Uhr.

Studentin
Der Saal wird leerer, die Zeit rennt.

Die Jurastudenten beginnen, zum fünften Mal den selben Paragraphen durchzusprechen. Eigentlich haben sie den Stoff fürs nächste Examen längst drauf, vor Ladenschluss gibt trotzdem aus Prinzip keiner auf. Aus dem Augenwinkel beobachten sie immer wieder, ob noch andere Kommilitonen zu so später Stunde lernen – und lächeln sich innerlich selbstzufrieden zu, wenn sie feststellen, dass dies nicht der Fall ist. „Hat jeder das letzte Kapitel gelesen?“, fragt ein Jurist mit randloser Brille und um die Schulter geworfenen Pullover in die Runde und wird prompt vom letzten anwesenden Stabi-Mitarbeiter ermahnt, dies bitte etwas leiser zu tun. Andere müssen sich schließlich auch konzentrieren.

Studenten
Eigentlich keinen Bock mehr, aber muss ja weitergehen.

Zum Beispiel die Biologie-Studentin. Zwischen zwei Karteikarten mit besonders vielen lateinischen Fachbegriffen lässt sie plötzlich alles stehen und liegen und stürmt aus der Vordertür. Das Stabi-eigene Café hat längst geschlossen, aber irgendwo muss es in Hamburg doch noch einen verdammten Fair-Trade-Kaffee geben. Eine Viertelstunde später kehrt sie geschlagen mit zwei Dosen Red Bull vom Kiosk wieder, obwohl sie weiß, wie ungesund die sind. Aber irgendwie muss sie die verbliebene Dreiviertelstunde ja noch effizient nutzen. Zwei Schlucke Energydrink und ein paar leise Tränen später versinkt sie wieder in ihrem Zettelberg.

Bücher
Stoff für die nächste Bio-Klausur, Teil 1.

Den Kunstgeschichte-Studenten durchfährt mit einem Mal ein Geistesblitz. Augenblicklich schließt er das Fenster mit dem Buzzfeed-Artikel über die fünf unglaublichsten Fakten über Karl Lagerfeld und schreibt wie besessen sechs Sätze in seine Hausarbeit, die er nicht löscht, sondern sogar noch einmal durchliest. Ein leichtes Lächeln durchzuckt seine Mundwinkel. Er drückt auf „Speichern“, klappt den Laptop zu und verlässt nach zehn Stunden Aufenthalt selbstzufrieden die Stabi. Er wird dieses Ritual in den kommenden vier Wochen täglich vollziehen – und die Abgabe der Arbeit schließlich doch aufs nächste Semester schieben.

Schreibmaschine
Früher war man wenigstens noch gezwungen, etwas Vernünftiges zu schreiben.

Im Revier der Jurastudenten macht sich derweil Unruhe breit. Eine halbe Stunde vor Schließung ist doch tatsächlich noch ein Kommilitone aufgetaucht, der sich nun mit einem Macbook und einem tonnenschweren Gesetzbuch mit großer Gestik am Nachbartisch breit macht. Passiv-aggressive Blicke werden ausgetauscht. Mit einem Mal spricht die Juristen-Gruppe mit wieder sehr aufrechter Sitzhaltung ganz besonders komplizierte Sachverhalte an und verliert keine Minute Zeit mehr. Der Stabi-Mitarbeiter wird sie später nur unter Protest aus dem Gebäude karren können.

Die Biologie-Studentin beobachtet dieses Schauspiel mit resigniertem Blick. Die Lektüre ihres Stoffs hat sie mittlerweile aufgegeben und ist zum finalen Stadium des kläglichen Scheiterns übergangen: Sie googlet. In ihrem Browserverlauf finden sich Stichworte wie „durch Klausur durchfallen“, „Exmatrikulation“ und „Arbeit ohne Uni-Abschluss finden“. Ob sie acht Stunden später doch noch zu ihrer Klausur angetreten ist, weiß niemand. Sie wird ein ungelöstes Mysterium bleiben, wie sie diese heiligen Hallen in jeder Nacht produzieren.

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